<

Wiener Wohnkultur

Mit ihren 70 vollständig eingerichteten Musterhäusern war die Werkbundsiedlung die mit Abstand größte Präsentation der modernen Wiener Wohnkultur der Zwischenkriegszeit. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte sich in Wien eine besondere Variante des Neuen Wohnens herausgebildet, die sich vom vorherrschenden Stil der Neuen Sachlichkeit, wie er etwa in Deutschland durch das Bauhaus vertreten wurde, deutlich unterschied. Man wollte keine einheitlichen, von Architekten durchgestalteten Wohnräume mehr, sondern freie, lockere und vor allem individuelle Einrichtungen. Die BewohnerInnen sollten in ihren Wohnräumen tatsächlich leben und die Möblierung jederzeit verändern können. Daher wurden von den GestalterInnen viele verschiedene Einzelstücke entworfen und angeboten, die beliebig kombinierbar waren. 

Freiheit

Die Wände sollten möglichst neutral wirken und weiß oder hell gestrichen sein, die Möbel wurden frei im Raum verteilt. Die sachlich-kühle Gestaltung des Wohnraums mit Stahlrohrmöbeln, wie sie zu jener Zeit von zahlreichen modernen ArchitektInnen gefordert, tatsächlich aber nur selten umgesetzt wurde, lehnte man in Österreich ab. In der einheitlichen Stahlrohr-Möblierung sahen die Wiener ArchitektInnen eine Wiederkehr des veralteten Denkens in „Garnituren“, das durch die moderne Wohnkultur überwunden worden war. Überhaupt sollten sich die Architekten beim Entwurf des Wohnraums und seiner Möblierung zurückhalten und die künftigen BewohnerInnen als mündige MitgestalterInnen akzeptieren: „Eine gute Einrichtung ist das Resultat von gutem Geschmack und hat nichts mit Kunst zu tun“, schrieb Josef Frank. 

Ausruhen

Der Wohnraum, so die modernen Wiener ArchitektInnen, war das Gegenteil der Arbeitsstätte. Deshalb sollte nichts an die Arbeit erinnern, alles Maschinelle sollte davon ferngehalten werden. Ornamente gab es fast nur mehr auf den stark gemusterten Stoffen, wie sie Josef Frank entwarf. Das Betrachten von Ornamenten, so Frank, diene der Entspannung und damit dem Ausruhen von der Arbeit. Die Möbel waren mit besonderer Liebe zum sorgfältig ausgearbeiteten Detail gestaltet und unterschieden sich damit von der gleichzeitigen Massenproduktion. Josef Frank, Jacques Groag, Walter Sobotka, Oskar Strnad und andere gestalteten auch die Ausstellungsräume der Werkbundsiedlung 1932 aus einer zutiefst humanistischen und sozialen Geisteshaltung heraus, die eine Antwort auf die zeitgenössische Überbetonung von Maschinenästhetik, Funktionalismus, Rationalisierung und Normierung war. 1927 schrieb Josef Frank: „Acht Stunden des Tages mußt du im Schweiße deines Angesichts arbeiten, sechzehn Stunden aber sind der Ruhe und der Unterhaltung geweiht. Denn der Mensch ist weder eine Maschine noch eine Kapitalsanlage, die sich rentieren muß, sondern arbeitet, solange er muß, um in der übrigen Zeit ein Mensch sein zu können.“

Text: Andreas Nierhaus