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Die Ausstellung als Medienereignis

„Farbenkastel“ – „Würfelsiedlung“ – „Spinnertes Dorf“!
Kaum hatte die Werkbundausstellung am 4. Juni 1932 ihre Pforten geöffnet, waren für die neue Mustersiedlung vom Volksmund bereits die unterschiedlichsten Namen gefunden. Dass dies in Wien – auch in Bezug auf die moderne Architektur – bereits Tradition hatte, zeigen die Jahrzehnte zuvor entstandenen Spitznamen „Krauthappl“, „Papageienkäfige“ und „vernagelte Kisten“ für Olbrichs Secessionsgebäude sowie die Stadtbahnstationen und die Postsparkasse von Otto Wagner. 

Großes Medieninteresse

Das große öffentliche Interesse an der Werkbundsiedlung spiegelte sich aber auch in den unzählbaren Berichten der Medien wider. Bereits die Eröffnungsfeier wurde live von der RAVAG, dem österreichischen Rundfunk, übertragen, und in Radio Wien folgten während der nächsten Monate Reportagen und Architektengespräche, zu denen unter anderem Hugo Häring, Gerrit Thomas Rietveld und Josef Frank geladen waren. Nach einem Gespräch zwischen Oskar Strnad und einem überzeugten Kritiker rund um die Frage „Was gefällt Ihnen nicht an der Werkbund-Siedlung?“ war es zu einem fast ruppigen Schlagabtausch zwischen glühenden Anhängern und erbitterten Gegnern der Mustersiedlung gekommen. 

Pro- und Contra-Stimmen

Österreichs Zeitungen – vorneweg die Arbeiterzeitung – berichteten während des Sommers regelmäßig über Pro und Contra der „größten Bauausstellung Europas“. Für die Einen war die 70 Häuser umfassende Siedlung mit den Typenhäusern zu teuer, die einzelnen Häuser waren viel zu klein, in ihrer äußeren Erscheinung zu modern und die Grundrisslösungen verfehlt, während die andere Seite in ihr die Zukunft des modernen Kleinhausbaus und der modernen Wohnkultur sah. Polemisiert wurde, dass „in den meisten Kleinküchen weder der berühmte Wiener Apfelstrudel erzeugt werden kann noch aber jemand, der sich von Strudel ernährt, die Dimensionen hat, in so einer Küche zu arbeiten oder gar die Kellertreppe zu benützen“, an anderer Stelle wurden die Häuser als „Siedlungsbauten für Zwerge“ bezeichnet. Alles in allem aber überwog sowohl in der heimischen als auch der ausländischen Presse die positive Kritik. Die Arbeiterzeitung bezeichnete am Tag der Eröffnung die Siedlung als „[…] ein beispielgebendes Architekturmuseum, ohne auch nur im geringsten so zu erscheinen. Sie ist lebendigste Lebendigkeit […]“, und auch in der Neuen Freien Pressefand die Musterschau große Anerkennung: Die  Kritiken reichten von „erstaunlich ausdrucksfähig und abwechslungsreich ist der neue Stil“ bis zur Bestätigung, dass die Häuser „nicht nur den Ideenreichtum der besten Architekten des In- und Auslands“ zeigen, sondern auch „dass man innerhalb bescheidener Ausmaße ein behagliches Leben führen kann, wenn auf beste Raumausnützung Bedacht genommen“ wird. Im Sinne Josef Franks, des Initiators der Werkbundsiedlung, hat es mit Sicherheit Max Eisler auf den Punkt gebracht, wenn er über die Werkbundsiedlung schreibt: „Denn es geht ja hier nicht um eine beliebige, mehr oder minder interessante Ausstellung, sondern um eine Lebensfrage unserer Kultur“.

Text: Anna Stuhlpfarrer