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Wien und das Neue Bauen um 1930

Wenn man heue an das Neue Bauen in Wien um 1930 denkt, fällt einem sofort ein Name ein: Josef Frank. Der Initiator und künstlerische Leiter der Wiener Werkbundsiedlung hat sowohl mit der Ausrichtung der Mustersiedlung als auch seinen eigenen Bauten und theoretischen Schriften eine von Zeit und Stil weitgehend unabhängige Architekturauffassung verfolgt, die für Wien um 1930 signifikant wurde. 

Der Mensch im Mittelpunkt

Für das Neue Bauen in Wien standen primär nicht ästhetische Kriterien sowie Formfindung und Formprinzipien im Vordergrund, vielmehr wurde das individuelle Bedürfnis des Bewohners ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Das Haus sollt Selbstzweck sein und das Wohnen als zentrale Tätigkeit des Menschen unterstützen. „Modern ist das Haus, das alles in unserer Zeit Lebendige aufnehmen kann und dabei doch ein organisch gewachsenes Gebilde bleibt“. Diese Äußerung Josef Franks verdeutlicht den Versuch der Vertreter der Wiener Moderne, sich von den Beschränkungen durch Stil und Symbole zu lösen und sich stets am Benutzer zu orientieren, wobei bereits bei der Grundrissplanung die Möglichkeit zur Einrichtung des Hauses mit Mobiliar unterschiedlichster Stile, Zeiten, Farben und Formen zu berücksichtigen sei. Die reinste Ausprägung dieser spezifischen Wiener Architektur- und Wohnvorstellung findet sich in dem von Josef Frank und Oskar Wlach 1930/31 errichteten Haus in der Wiener Wenzgasse manifestiert, das heute als Ikone der modernen Architektur in Österreich gilt.

Werkbundsiedlung und Wiener Moderne

Auch die Wiener Werkbundsiedlung ist als Beispiel dieser ganz spezifischen Wiener Moderne um 1930 zu sehen, indem sie sich einerseits vom geschlossenen ästhetischen System des Neuen Bauens und des Internationalen Stils abgrenzte, ohne andererseits dabei in eine Architektur des konservativen, kleinbürgerlichen Traditionalismus zu verfallen. Losgelöst vom Diktat der Formensprache der Bauhaus-Moderne sowie neuester technologischer Baukonstruktionsweisen stellte die Wiener Mustersiedlung eine Demonstration individueller Grundrisslösungen und moderner Wohnvorstellungen dar.

Internationaler Stil

Abseits dieser typischen Wiener Moderne hatte sich in Wien um 1930 aber auch eine junge Generation herausgebildet, die sich an der internationalen Avantgarde orientierte und einige herausragende Werke in Wien realisieren konnte. Mit dem Arbeitsamt von Ernst Anton Plischke, dem Jugendheim Krottenbachstraße des Bauhauslehrers Anton Brenner oder dem Gästehaus Heriot der Bauhausschüler Franz Singer und Friedl Dicker sind Bauten entstanden, die in einer Reihe mit Werken der internationalen Moderne zu sehen sind. Die genannten Beispiele, von denen heute nur noch das Arbeitsamt von E. A. Plischke erhalten ist, sollten hierorts jedoch eine Ausnahme bleiben.

Text: Anna Stuhlpfarrer