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Die vier dreigeschoßigen Reihenhäuser des Niederländers Gerrit Rietveld in der Woinovichgasse, die an dieser Stelle platzartig erweitert ist, bilden das Visavis zu den zwei Doppelhäusern von Adolf Loos. Rietveld, der mit dem Haus Schröder in Utrecht 1924 eine der Architekturikonen der Moderne geschaffen hatte, war eng mit der bekannten niederländischen Künstlergruppe De Stijl verbunden und gleich wie Josef Frank Mitbegründer von CIAM. Neben André Lurçat aus Frankreich, Gabriel Guévrékian aus Teheran und Hugo Häring aus Deutschland zählte er zu den wenigen Architekten aus dem Ausland, die Josef Frank zur Teilnahme an der Wiener Werkbundsiedlung eingeladen hatte.

Die streng in Nord-Süd-Richtung ausgerichteten Häuser mit ihrer hellgelben Fassade werden über einen der Front vorgesetzten Vorraum seitlich erschlossen. Von diesem gelangt man links in die Küche, während rechts die Wendeltreppe eine punktförmige Erschließung des Hauses erlaubt. Weiter geradeaus befindet sich der große Wohnraum, der sich über die gesamte Breite des Hauses erstreckt und etwas mehr als die halbe Grundfläche des Reihenhauses einnimmt. Ein annähernd quadratisches Fenster und die Terrassentür öffnen den Raum gegen die lange schmale Gartenparzelle. Über die Wendeltreppe im Vorraum gelangt man weiter ins erste und zweite Obergeschoß mit zwei unterschiedlich großen Schlafräumen sowie einem Badezimmer. Dem sowohl straßen- als auch gartenseitig zurückversetzten obersten Geschoß mit seinen zwei Zimmern sind auf beiden Seiten über die gesamte Hausbreite Balkone vorgelagert. 

Die schmalen hohen Reihenhäuser mit einer sehr großen Wohnfläche von je 101 m² weisen mit der starken Öffnung der Bauten zum Außenraum, die sich vor allem auch an der straßenseitigen Front fortsetzt, ein typisches Stilelement der Architektur der Moderne in den Niederlanden auf. Doch auch im Inneren weicht Rietveld mit seiner räumlichen Organisation von den Grundrissen der anderen Häuser der Werkbundsiedlung ab. Ähnlich wie Loos differenziert er seine Räume nach Höhen, die Besonderheit liegt aber in seiner Anordnung der Räume auf unterschiedlichen Niveaus. Rietveld konzipiert die einzelnen Räume je nach Funktion unterschiedlich hoch und ordnet die Räume im ersten und zweiten Stockwerk gegeneinander versetzt an (gartenseitig höher). Straßenseitig sind die Küche im Erdgeschoß und das darüberliegende Schlafzimmer niedriger ausgeführt, dafür weist der Dachgeschoßraum eine größere Raumhöhe auf. Dem entgegengesetzt wurde gartenseitig dem Wohnraum im Parterre – zu Lasten der darüberliegenden Zimmer – durch die größere Höhe mehr Freiraum und damit Großzügigkeit verliehen. Während das von Gerrit Rietveld mit modernen Stahlrohrmöbeln sparsam ausgestattete Haus Nr. 53 einen eher kühlen Eindruck vermittelt, weist das von Paul Fischel und Heinz Siller eingerichtete Haus Nr. 54 (bei dem der Wohnraum um einen Teil der Küche erweitert wurde) mit seinen Möbeln aus Holz und verschiedenen Textilien (Vorhang, mehrere Polster) einen weit wohnlicheren Charakter auf.

Text: Anna Stuhlpfarrer

Historische Grundrisse

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